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Wo liegt der Himmel auf Erden?

Einige Splitter aus der Geschichte der Suche nach dem Paradies.

Wo liegt das Paradies? Diese Frage stellten sich viele Menschen, seit die Erzählung vom Garten Eden ihre Kreise zog. Lange Zeit hindurch bestand kein Zweifel daran, dass jenes Paradies, von dem in der Bibel berichtet wurde, ein irdisches Paradies sei. Die Erzählung galt als historisch wahrhaftig. Der Wirklichkeitsgehalt der Paradieserzählung war auch deshalb wichtig, weil, so einige Theologen, daran der Wirklichkeitsgehalt des Sündenfalls hänge. Außerdem liege in ihr der Schlüssel, um die conditio humana, die Lage des Menschen in der Welt also, zu verstehen:

Seit der Vertreibung aus dem Paradies sind die Menschen von Gott entfernt und entfremdet. Von dieser Annahme ausgehend entwickelte sich eine ungeheuer umfangreiche Literatur zur Frage, wo denn dieses Paradies zu finden sei. Insbesondere zwischen dem 12. und dem 17. Jahrhundert beschäftigten sich die klügsten Geister der Zeit mit dieser Frage.


Abb. 1: Weltkarte der Turiner Bibel, 10. (?) Jahrhundert

Diese Karte aus dem 10. oder möglicherweise erst aus dem
12. Jahrhundert zeigt die Welt als Ökumene, als große Einheit, um die herum ein Ozean liegt. Jerusalem liegt in der Mitte der Welt, das Paradies ist ganz oben, im Osten zu finden.

 

 
Abb. 2: Weltkarte aus dem 12. Jahrhundert im Liber Guidonis

Auch diese Weltkarte zeigt ein rundes Festland, das von einem Ozean umgeben ist. Mit etwas Phantasie lassen sich die Konturen Europas links unten erkennen. Das Paradies wird in dieser Karte zwar nicht genannt, zu sehen sind aber die vier Flüsse, die aus dem Paradies entspringen: Fiso, Geon, Tigris und Euphrat. Die zeitgenössische Logik ist bestechend: Wenn es Tigris und Euphrat gibt, wird es auch die beiden anderen Flüsse geben, also auch das Paradies, wo diese Flüsse entspringen.

 


Abb. 3: Weltkarte von 1130, gewidmet dem deutschen Kaiser Heinrich V.

Auch diese Karte verzeichnet Jerusalem im Zentrum der Welt. Das Paradies ist davon weit entfernt, es liegt am oberen Rand. Auf einer Insel, die der Mündung des Ganges gegenüber liegt, finden sich die vier Flüsse des Paradieses.

 


Abb. 4: Karte mit Lokalisierung des Paradieses bei Chaldäa, ca. 1620

Dieses letzte Beispiel legt das Paradies zwischen Mesopotamien und Chaldäa in den Mittleren Osten. Der Orientalist John Hopkinson, dessen Vorstellungen hier dargestellt werden, argumentierte dies mit der Fruchtbarkeit der Region.

 

Diese Beispiele zeigen, dass das Paradies bis ins 17. Jahrhundert als real existierender Ort vorgestellt wurde. Zuletzt ging man die Frage mit wissenschaftlicher Akribie an und verwarf die phantasievollen Vorstellungen des Mittelalters, das Paradies liege auf dem Mond, im Reich des Priesterkönigs Johannes oder auf einem unerreichbar hohen Berg.

Das Paradies wurde noch in einer Zeit auf Karten eingezeichnet, als Reisende aus Westeuropa bereits den größten Teil der Welt besucht hatten. Immer wieder waren sie enttäuscht worden, nicht das Paradies vorzufinden. Christoph Columbus war geradezu verfolgt von der Idee, dass sich das irdische Paradies in der Region des Neuen Indiens, das er entdeckt zu haben meinte, befinden müsse. Generell vertraten einige Amerika-Reisende die Ansicht, dass sich dort so paradiesische Zustände finden lassen, dass das Paradies nicht mehr weit sein könne.

Mit der Aufklärung verstärkten sich aber nach und nach die Stimmen, die der Idee des irdischen Paradieses den Garaus machten. David Hume gab in seiner „Naturgeschichte der Religion“ die Idee des Paradieses als irdischen Ort auf. Die Vorstellung, dass der biblische Bericht im übertragenen Sinn zu lesen sei, fand zunehmend mehr Anhänger/innen. Er sei Ausdruck der Erfahrung der Menschen, nicht in seiner Vollendung, nicht bei Gott zu wohnen. Die Paradieserzählung sei als mythologische Erklärung für die Sündhaftigkeit und Verlorenheit des Menschengeschlechtes zu interpretieren. Gleichzeitig wird die Idee des Paradieses zu einem Ideal, auf das hin der Mensch sein Streben richten möge – aber im Sinne einer Heimat im Leben nach dem Tod oder als soziale und politische Vorstellung davon, wie die Welt aussehen könnte, wenn dereinst alle Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zwischen den Menschen überwunden sein werden.

Gerald Faschingeder

Quelle: Jean Delumeau: Une histoire du paradis. Tome 1: Le jardin des délices. Paris 1992.

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