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Das Hohelied der Liebe

Als ich zugesagt habe, einen Artikel zum „Hohelied“ zum Generalthema „Liebe“ zu schreiben, hätte ich durchaus genauer nachfragen können. In der Bibel gibt es nämlich zwei Texte, die bei dieser Umschreibung zur Bearbeitung in Frage kommen. Einerseits das „Hohelied“ (Hld) im Alten Testament (AT), andererseits gibt es im 1. Korintherbrief ein Kapitel mit der Überschrift „Das Hohelied der Liebe“ (Kor 13), in dem sich unter anderem die Zeilen von der langmütigen, gütigen, eiferfreien, endlosen Liebe finden. Hier möchte ich ein bisschen etwas über das Hld (AT) schreiben.

„Lesehilfe“

Ehrlich gesagt habe ich mich beim Lesen anfangs nicht gut zurecht gefunden. Mit etwas Recherche wurde es sehr spannend, weil der Text in einigen Punkten „ans Eingemachte“ geht. Als Quellen für diesen Text sollen ausdrücklich genannt werden der Stuttgarter Kommentar zum Alten Testament von Zenger (Hrsg), das Studienbuch „Einleitung ins Alte Testament“, ebenfalls von Zenger ua und der Kommentar der Jerusalemer Bibel.

Für die Lektüre des Hld kann erstens hilfreich sein, sich vor Augen zu halten, dass die herrschende Ansicht im Hld eine Zusammenstellung mehrerer verschiedener Liebeslieder sieht. Das Hld beschreibt somit keine fortlaufende Handlung, Sprünge in der „Handlung“ sind daher denkbar.

Zweitens möchte ich auf den/die männliche/n Hauptperson/en eingehen. Die Frau singt in 1,4 von ihrem Liebhaber als König, wenige Verse später, in 1,7 fragt sie plötzlich, wo der, den ihre Seele liebt, seine Herde weidet und stellt den Geliebten damit als Hirten dar. Die daraus resultierende Verwirrung hat sich mit der Info gelegt, dass es sich dabei wohl nicht um zwei verschiedene Menschen handelt, sondern die verschiedenen Positionen dafür verwendet werden, um die im Hld erörterte Liebe als Kontrast zum täglichen Lebensprogramm zu feiern. Möglicherweise der Hirte in seiner „Isolation“, der König, der zwar von einem Harem umgeben ist (6,8 – 9), aber darin nicht die „wahre Liebe“ findet. Zugleich wurden Braut und Bräutigam in syrischen Liebesliedern regelmäßig „König“ und „Königin“ genannt, sodass die Bezeichnung als König möglicherweise auch nur diese Tradition aufgreift.

Und drittens, an manchen Stellen hat mich der Text schon gereizt: Einerseits zum Lächeln bei heute eher ungewöhnlichen Metaphern, solange die dahinterstehende Bedeutung nicht mitbedacht wird (versuch einmal das Kompliment zu machen: „Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Schläfe“ und berichte bitte über die Reaktionen).

Andererseits aber auch zu einem leicht genervten Schnauben ob der Langatmigkeit an manchen Stellen. Gegen diese Ungeduld empfehle ich, den Text laut zu lesen. Wie im Theater hört man dadurch den Klang und Fluss der verwendeten Sprache besser und das hat mir gewisse schöne Stellen eröffnet.

Bedeutungsgehalt

Beim Lesen eines jeden Textes stellt sich die Frage, worum es eigentlich (ursprünglich) geht. Das ist beim Hld nicht so klar. Nach einer langen Tradition stellt das Hld die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen dar, die mit dem Bild der einander liebenden Menschen vergegenwärtigt wird. Im Judentum wird das Hld etwa zum Pessach-Fest gelesen. Dabei wird ja der Auszug aus Ägypten als Zeichen der Liebe Gottes zu seinem Volk gefeiert. Diesem Verständnis wird aufgrund der langstehenden Tradition dieser Deutung nach wie vor „Gültigkeit“ zugesprochen. In der Literatur wird aber herrschend davon ausgegangen, dass das Hld tatsächlich die Liebe zwischen Menschen behandelt (hat) und damit auch vor diesem Hintergrund zu lesen ist.

Liebe im Hohelied

Es geht im Hld also auch um die Liebe zwischen Menschen. Um diesen Aspekt dreht sich der Artikel. Das gesamte Hld strotzt von Symbolen. Um die urspr Botschaft des Textes zu verstehen, ist es wichtig, die Bedeutung der verwendeten Symbole auf die damaligen „Leser/innen“ zu erkennen. Das Hld spricht diverse Facetten des Phänomens Liebe an. Zentral sind dabei die Lust an der sexuellen Liebe (zB: 2,6; 4,13 – 5,1; 7,3; 7,9; 7,13;…) und das „Gesamtgefühl der Liebe“ (vgl 8,6). Zu diesen gleich mehr. Daneben spielen aber auch noch die reproduktive Dimension der Liebe (8,5) und individuelle Sehnsüchte der Liebenden vor gewissen gesellschaftlichen Zwängen (8,1) eine Rolle.

Sexuelle Liebe/Lust

Das Wort Sex kommt im Hld nicht explizit vor. Anhand der verwendeten Symbole ist aber klar, dass die sexuelle Dimension der Liebe eine zentrale Rolle im Hld spielt. Um nur eines etlicher Beispiele zu nennen: Die bereits entkleidete Frau träumt, ihr Geliebter klopfe an ihre Tür und bitte um Einlass. Er streckt seine Hand durch die Luke der Türe, und ihr Herz bebt ihm entgegen (5,3 – 4). Die Hand wird hier – wenngleich vorsichtig – als Symbol für den Penis und die Luke für die Vagina verstanden.

Besonders interessant ist nun aber die Einstellung zu dieser sexuellen Dimension der Liebe. In diesem Text wird die sexuelle Liebe um ihrer selbst willen positiv bewertet. In anderen Bibeltexten geschieht dies meist nur in direkte Verknüpfung etwa zur Reproduktionsfunktion. In 5,1 steht:

„Ich komme in meinen Garten, Schwester Braut; ich pflücke meine Myrrhe, den Balsam; esse meine Wabe samt dem Honig, trinke meinen Wein und die Milch. Freunde, esst und trinkt, berauscht euch an der Liebe!“

Die Aufforderung zum Essen und Trinken, die als Botschaft des Verfassers, und nicht des handelnden Mannes zu verstehen ist und Metaphern für den geschlechtlichen Umgang sind, stellt hier also eine Aufforderung zum Lebens- und Liebesgenuss dar. Der Geschlechtsverkehr erhält sogar einen sakralen Gehalt. In 7,9 spricht der Mann davon, die Palme ersteigen zu wollen. Die Geliebte wird mit einer Dattelpalme verglichen, die im Alten Orient Urbild des Heiligen Baumes war und im Nahebereich wichtiger Göttinnen stand. Die Besteigung der Palme wird eine Art heiliger Akt.

Auch zum Thema der Geschlechtergleichstellung tätigt das Hld eine spannende Aussage. Die Liebenden treten gleichberechtigt auf, indem beide im Begehren und Betrachten aktiv und passiv sind und beide zur Liebe auffordern (vgl nur 6,3). Der Frau kommen die zentralen Worte zur ungeheuren Kraft der Liebe zu (8,6 – 7). Das Begehren der Frau durch den Mann (7,11) im Hld ist deshalb so spannend, weil in Gen 3,16 nur das Verlangen der Frau nach dem Mann geschildert ist und bei den „Strafen“ aufgrund des Essens vom Baum der Erkenntnis angeführt ist. In Gen 3,16 ist die Herrschaft des Mannes über die Frau mit dieser einseitigen Begierde verknüpft. Da hier nun auch Begierde in die andere Richtung attestiert wird, gleichen sich die Geschlechter in dieser Frage aneinander an und von der Literatur wird darin die Aufhebung der Ungleichheit gesehen.

In Zusammenschau mit Genesis wird teilweise noch weiter gegangen und in der erotisch-sexuellen Liebe ein möglicher Weg zur Rückkehr ins Paradies gesehen. Dem häufigen Bild des Gartens im Hld wird dabei neben einer Metapher für die Frau auch die Bedeutung des Garten Edens beigemessen. Ein Anhaltspunkt für die nichtirdische Natur des Gartens könnte die Pflanzenaufzählung in 4,13 – 14 sein. Nebeneinander kommen die Gewächse in der Natur nicht vor und nur der Granatapfelbaum wächst in Palästina. In diesem Garten finden die Liebenden zueinander und genießen ihre Liebe (4,16). In 4,12 ist der Garten noch verschlossen, in 4,16 ist er geöffnet und die Früchte des Gartens können gegessen werden. Die Liebe führt zur Öffnung und Wiederentdeckung des Garten Edens. Auch die gerade dargestellte Gleichstellung von Frau und Mann aufgrund des nun gegenseitigen Begehrens wird als Rückkehr ins Paradies gewertet, da die Beendigung der Unterdrückungssituation zur ursprünglichen Gleichstellung zurückführt.

„Gesamtgefühl Liebe“

Während in Kapitel 5 die Kernaussage zur sexuellen Liebe gesehen wird, findet sich eine konzentrierte Aussage zur von mir als „Gesamtgefühl Liebe“ bezeichneten Ausprägung der Liebe in 8,6 – 7:

„Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.“

Hier wird einerseits die gewaltige Kraft der Liebe festgehalten, die nach dem Text dem Tod ebenbürtig ist. Aufgrund der Fortpflanzung und Schaffung neuen Lebens, die die Liebe ermöglicht, übertrifft die Liebe sogar den Tod.

Bei dieser gewaltigen Liebe könnte im Originaltext Jahwe ins Spiel kommen. Dem Wort für „Flamme“ ist die Endung –jah angefügt, was eine bloße Steigerung bedeuten kann, oder aber „Jahwes Flamme“ bedeutet. In Zusammenhang mit den mächtigen Wassern kommt die Urflut und folgendes Textverständnis in den Sinn: Auch die zerstörerischsten Wasser können die Liebe nicht vernichten, denn sie ist eine gewaltige Flamme von Gott.

Endgedanken

Das Hld ist beim Lesen herausfordernd und teils befremdlich. Wenn man für Symbolik etwas über hat, aber eine Schatzgrube. Der Schatz, um den es geht, ist die Liebe in ihrer Komplexität. Die freudvolle Bejahung auch des körperlichen Aspektes der Liebe mag vor dem offiziellen Kurs erstaunen. Schienhorst-Schönberger meint, dass das Hld „mit der Hochschätzung und Bewunderung des Leibes von Mann und Frau […] jeder leibes- und liebesfeindlichen Kultur diametral entgegen [steht]. In der Rückbesinnung auf die ursprüngliche Bedeutung des Hld mag es der Kirche gelingen, leib- und liebesfeindliche Tendenzen ihrer eigenen Geschichte zu überwinden“

Irgendwie ein spannender Gedanke, meine ich.

Lukas Gottschamel

kumquat "Liebe" 3/2013

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