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Das verlorene Schaf in der Löwengrube

Sich an Gleichnisse in der Bibel herantasten

Die Bibel schaut zwar von außen aus wie ein Buch, eigentlich besteht sie aber aus mehreren Büchern: Ganz viele Menschen aus unterschiedlichen Kontexten haben ihre eigenen Erfahrungen, oder Erfahrungen, die andere gemacht haben und die sie erzählt bekommen haben, zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlicher Art und Weise verschriftlicht. In der Bibel befinden sich somit ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte, die sich alle mit dem Leben und seinen zahlreichen Facetten auseinandersetzen.

Eine Arche und ein Wal

In der Bibel, und hier vor allem im alten Testament, wird mit ganz vielen sehr starken Bildern und Symbolen gearbeitet: Die Frucht im Paradies, ein Meer das sich teilt, die Arche von Noah, ein Wal der Jona verschluckt,... Manche dieser Bilder erscheinen uns passend, andere erscheinen als sehr brutal. Oft stellt sich auch die Frage, was denn jetzt eigentlich wirklich stimmt, also was historisch wahr ist. Für mich persönlich ist die Frage nach der historischen Wahrheit in der Bibel nicht die zentrale (wobei ich sie auch interessant finde). Das zentrale ist für mich die Frage, was mir der Text zu meinem aktuellen Kontext, zu meinen Lebensfragen zu sagen hat. Wenn also Jonas vom Wal verschluckt wird, finde ich folgende Fragen interessant: Wovon lasse ich mich „verschlucken“. In welchen Situation habe ich das Gefühl, von etwas ganz eingenommen zu sein, ohne raus zu können? Wie komm ich aus solchen Situationen wieder raus? Welchen Situation will ich mich stellen, bevor sie mich ganz verschlucken und einengen?
Man kann also einerseits die Bibel wie ein Gleichnis lesen und sie für sich selbst interpretieren. Andererseits kommen in der Bibel auch zahlreiche Gleichnisse vor.

Der barmherzige Samariter und die verlorene Drachme

In den vier Evangelien im Neuen Testament spricht Jesus oft in Form von Gleichnissen. 40 Gleichnisse sind überliefert, darunter befinden sich das Gleichnis des barmherzigen Samariters, des barmherzigen Vaters, der Arbeiter im Weinberg, des Kamels, das durch ein Nadelöhr passt,...

Die Gleichnisse sind Erzählungen, die auf etwas hinaus wollen und sich eines Vergleichs bedienen. Sie haben, schaut man sich den Text genau an, keine zeitliche und meist auch keine örtliche Bestimmung. Es ist also nicht festgelegt, wann und wo sich die Erzählung ereignet hat. Die Menschen, von denen erzählt werden, haben meist keine Namen sondern werden als „Priester“, „Frau“, „Sohn“, „Vater“, „Samariter“, usw. bezeichnet. Das zeigt, dass manche Fragestellungen universal sind und von Menschen gestellt werden, egal welcher Identität sie sich zuordnen – zum Beispiel Fragen nach dem Zusammenleben, nach der Liebe, Vergebung, Leid, Gerechtigkeit,... Diese Fragen sind weder an einen Ort noch an eine Zeit gebunden. Auch heute setzen wir uns immer noch mit vielen dieser Fragen und Problemen auseinander.

Nicht immer ist es für uns heute offensichtlich, was mit bestimmten Gleichnissen gemeint ist, welche Aussage die zentrale ist, gerade weil der konkrete Kontext für das Verständnis relevant ist. Nehmen wir die Erzählung vom barmherzigen Samariter, Lk 10, 25-37, als Beispiel. Ein Mann ist auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem. Er wird überfallen und ist verletzt. Ein Priester geht am Mann vorbei, sieht ihn und hilft ihm nicht. Ein Levit, ein Schriftgelehrter, geht an ihm vorbei, sieht ihn und hilft ihm auch nicht. Dann kommt ein Samariter und hilft dem Mann. Der Mann, der überfallen wurde, war wahrscheinlich ein Jude. Jüdinnen und Juden waren zur Zeit Jesu mit Samariter/innen „verfeindet“. Samariter/innen waren für Jüd/innen von heidnischer Herkunft. Sie wurden als Ungläubige beschimpft. Sie wurden teilweise verachtet. Diese Informationen über den damaligen Kontext weiten unser heutiges Verständnis von Gleichnissen und Beispielerzählungen. Es geht vielleicht in diesem Gleichnis nicht nur um Nächstenliebe und Barmherzigkeit, sondern auch darum, die eigenen Regeln zu hinterfragen.

Und für Kinder?

Viele Gleichnisse können auch für Kinder interessant sein. Wichtig ist, an die Gleichnisse spielerisch heranzugehen und nicht moralisierend zu werden. Gleichnisse gehen schwierigen Fragen nach. Und auf schwierige Fragen gibt es nicht immer eindeutige Antworten. Das sich gemeinsam auf die Antwort machen, kann auch schon eine Antwort sein.

Die Gruppenstunde „Eine Frechheit?!“ ist ein Beispiel für eine kreative Auseinandersetzung mit einem Gleichnis – die Arbeiter im Weinberg, Mt 20, 1-16.

 

 

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