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Geld ohne Arbeit?

Über das bedingungslose Grundeinkommen.

Stell dir vor, für dein Einkommen wäre gesorgt. Du bekämst pro Monat rund 850 Euro. Welcher Arbeit würdest du nachgehen? Würdest du eine Lehre machen? Oder studieren? Oder reisen? Oder versuchen deinen Traum zu verwirklichen? Würdest du dir einen Job suchen, weil dir 850 Euro zu wenig sind? Oder würdest du gar nichts tun? Kann man eigentlich „gar nichts tun“? Ist Computerspielen auch eine Tätigkeit? Vielleicht sogar Arbeit? Arbeitet eine Surferin, wenn sie die perfekte Welle sucht? Hat sie Anspruch auf ein Einkommen? Oder muss Arbeit mühsam und anstrengend sein, damit sie entlohnt wird?

Im Russischen ist das Wort „arbeiten - rabotat“ mit dem Wort „Sklave - rab“ verwandt. In der europäischen Antike waren diejenigen „frei“, die nicht arbeiten mussten, die selbst bestimmen konnten, ob sie arbeiten. Das Christentum war in Mittel- und Westeuropa dafür ausschlaggebend, Arbeit als Pflicht und somit als Gegensatz zu Genuss zu definieren: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (Paulus 3,10)

Arbeit und Einkommen

In Österreich (und vielen anderen Ländern der Welt) hat Arbeit heute einen hohen Stellenwert: Mit Hilfe von Arbeit sollen die Menschen ihre Existenz sichern. Interessant ist ein Blick auf die Situation von Frauen: Laut dem Wiener Gleichstellungsmonitor arbeiten in Wien Frauen durchschnittlich sieben Stunden und zehn Minuten pro Tag. Davon verwenden sie mehr als die Hälfte, nämlich 59 Prozent für unbezahlte Arbeiten wie Haushaltsführung, Kinderbetreuung, Freiwilligenarbeit, Betreuung und Pflege von erwachsenen Haushaltsmitgliedern, ehrenamtliche Tätigkeit und Vereinstätigkeit. Wiener Männer verwenden 39 Prozent ihrer Arbeitszeit für unbezahlte Arbeit.

Doch gibt es überhaupt genug bezahlte Arbeit für alle, um gut leben zu können? Laut Berechnungen des Sozialphilosophen André Gortz müssten die Mitteleuropäer/innen 25 Stunden pro Woche arbeiten, um die gesellschaftliche Arbeit auf alle aufzuteilen. Vollbeschäftigung ist somit nicht für alle möglich. Viele arbeiten mehr, manche finden keine Arbeit,…All diese Fakten bringen mich zur Frage: Ist es nicht ungerecht und willkürlich, Arbeit als Grundlage der Existenzsicherung zu definieren? Ist es nicht eigentlich Grund genug, ein Einkommen zu erhalten, weil man auf dieser Welt geboren ist?

Einige Denker/innen waren dieser Ansicht: Charles Fourier (1772–1837) sprach von einem Menschenrecht auf Grundversorgung ohne Gegenleistung. Sein Schüler Victor Considérant (1808-1893) forderte eine Mindestversorgung für das Volk. Er sah in Reichtum und Wohlstand eine kollektive Hervorbringung auf Grund der gesellschaftlichen und nicht der individuellen Leistung: Ich kann zum Beispiel nur am Computer arbeiten, weil Menschen vor mir einen Computer entwickelt haben und ein Heizsystem und ein Haus gebaut haben. Es steckt also unendlich viel Vorarbeit in jeder Arbeit.

Auch heute gibt es Menschen, die der Meinung sind, ein existenzsicherndes Einkommen müsse man sich nicht verdienen, sondern dieses sollte bereitgestellt werden – als bedingungsloses Grundeinkommen. Das bedeutet, jede und jeder auf dieser Welt bekommt von einem politischen Gemeinwesen ohne Bedürftigkeitsprüfung oder Gegenleistung ein Einkommen ausgezahlt. Viele Theoretiker/innen sind der Meinung, dass so ein bedingungsloses Grundeinkommen weltweit realisierbar und finanzbierbar wäre. So steht zum Beispiel auf der Website des Netzwerkes Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt: „Grundsätzlich gilt: jede Gesellschaft, die genügend Grundbedarfsmittel für alle ihre Mitglieder zur Verfügung stellen kann, kann sich ein Grundeinkommen leisten. Das gilt heute für Österreich, für Europa und auch für die ganze Welt. Die Erde ist reich genug, dass alle Menschen in Würde leben könnten.“ (http://www.grundeinkommen.at)

Mit einem Grundeinkommen könnten wir arbeiten, was wir wollen. Wir könnten auch zu einer für uns unbefriedigenden Arbeit „Nein“ sagen. Kritiker/innen befürchten dann einen Rückgang der Produktivität, weil dann nicht mehr Leistung, Entlohnung und Konkurrenz im Vordergrund stehen würden. Damit auch unattraktiver Arbeit, wie zum Beispiel monotoner körperlicher Arbeit, nachgegangen wird, müsste sich der Wert dieser Arbeiten erhöhen. Billiglohnjobs müssten besser entlohnt werden. In Folge könnten Arbeiten, die heute über eine sehr geringe gesellschaftliche Anerkennung verfügen, wie zum Beispiel Putzarbeit, an Wert gewinnen.

Das Konzept des Grundeinkommens stellt die gängige Definition von Arbeit und speziell von Lohnarbeit in Frage. Im Grunde sind diejenigen, die arbeiten, als einzige in der Lage, den Wert ihrer Arbeit zu messen. Auch surfen, malen, kreativ tätig sein, das Übersetzen chinesischer Texte, die Pflege Angehöriger sind wert- und sinnvolle Arbeit.

Betti Zelenak

kumquat "zu wenig?" 2/2015

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