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„Seid ihr gekommen, um eislaufen zu gehen?“

Ein kurzer Blick auf verschiedene Gründe, das Heimatland zu verlassen.

In den Weihnachtsferien machte ich mit zwei Jugendlichen einen Ausflug zum Eislaufen. Es war das erste Mal, dass sie ihre Füße in Schlittschuhe steckten, das erste Mal, dass sie sich auf gefrorenem Eis fortbewegten und sie spürten das erste Mal, wie es ist, wenn ihre Beine auf der Eisfläche nicht das machen, was sie eigentlich sollten… Nachdem wir unsere Runden gedreht und wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, sprach uns ein kleiner Bub an. Er fragte: „Und ihr seid also wirklich aus Afrika?“ „Ja“, antworteten meine beiden Begleiter, deren Hautfarbe auf ihre Herkunft schließen lässt, „wir kommen aus Afrika.“ Der Junge musterte die beiden von oben bis unten und meinte erstaunt: „Was, ihr seid von so weit her gekommen, um hier eislaufen zu gehen?“ Wir mussten schmunzeln und bejahten wiederum seine Frage. „Ja, ja ich weiß, in Afrika ist es so heiß, da kann man nicht eislaufen. Darum muss man weit reisen, um das zu tun“, sagte er bevor er sich verabschiedete und zurück auf die Eisfläche verschwand.

Die Vorstellung, sich in einen Zug, in ein Auto oder Flugzeug zu setzen, um ein paar Tage eine ferne Stadt zu besichtigen, eine Woche am Meer zu schnorcheln, auf einer Safari wilde Tiere anzusehen und alles das zu tun, was wir hier in Österreich nicht tun können, ist für uns nicht abwegig. Wir packen in unseren Koffer all das, was wir für einige Tage oder Wochen brauchen und kehren nach unseren Erlebnissen wieder beruhigt in unsere Heimat zurück. Wir verfügen über die Möglichkeiten und Mittel dazu und vor allem besitzen wir eines: einen Reisepass, der unsere Zugehörigkeit zu einem der reichsten Länder der Erde zeigt. Wir können gehen, wohin wir wollen und zurückkehren, wann wir es wollen. Würden wir auf einer Welt leben, die allen Menschen dieselben Chancen bietet, ja, dann wären diese beiden Jugendlichen wohl hier, um einmal eislaufen zu gehen. Tatsächlich sind es jedoch ganz andere Gründe, warum die zwei, ebenso wie viele andere Menschen, so weit gereist sind. Gründe, die für uns, die wir Reisepässe in unseren Händen halten und ein Leben in Sicherheit führen, nur schwer vorstellbar sind.

Jedes Jahr begeben sich viele hunderte Menschen aus unterschiedlichen Ländern auf einen weiten Weg und betreten schließlich auf der Suche nach Schutz österreichisches Staatsgebiet. Im Jahr 2014 stellten etwa 23.000 Personen nach ihrer Flucht einen Asylantrag in Österreich (BMI, Nov. 2014). Vorwiegend sind es Menschen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Russland und vielen anderen Ländern der Welt, die sich hier ein sicheres Leben wünschen. Warum sie kommen, hat verschiedene Gründe: Krieg, Zerstörung, Gewalt, Terror, Verfolgung, Armut und Perspektivenlosigkeit. Jede/r kann Dir eine andere Geschichte erzählen, jede/r hat seine /ihre Heimat aus einem anderen Grund verlassen und diese weite Reise aus unterschiedlichen Motiven bestritten. Wenn Du wissen willst, was sie in ihren Koffern haben, dann sind es meist ein paar Kleidungsstücke, einige Fotos von dem, was sie durch ihre Flucht verloren haben, ein wenig Geld und die Hoffnung auf eine Zukunft in Sicherheit und Freiheit. Nur eines hat bestimmt keiner von ihnen im Gepäck – Eislaufschuhe.

Leonore Decker

kumquat Sch(l)äfchen zählen 1/2015

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