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Von Schlägen, Schimpfworten und Abhängigkeiten

Die vielen Aspekte von Gewalt

Fällt das Wort „Gewalt“, haben wir Bilder vor unserem inneren Auge. Bilder von Schlägereien, Bilder von Kriegen, Bilder von Zerstörung. Alle haben sie eines gemeinsam: Sie zeigen, wie mit oder ohne Waffen physischer Schaden angerichtet wird – an Dingen oder Orten, Tieren oder Menschen. Denken wir über diese ersten Assoziationen hinaus, kommen uns noch weitere Dimensionen von Gewalt in den Sinn, die über die körperliche hinausgehen. Wir denken vielleicht an Streit, bei dem verbale Tiefschläge verteilt werden, an Kinder und Erwachsene, die sich Schimpfworte an den Kopf werfen oder an seelische Grausamkeiten, die sich Menschen gegenseitig zufügen. Eventuell denken wir sogar an sehr spezifische gewaltvolle Beispiele: An sexuelle Gewalt, an Freiheitsberaubung, an Zwangsarbeit, an Vergewaltigung, an die Todesstrafe... Wenn wir jetzt immer noch nicht aufhören wollen, unsere Assoziationen zum Gewalt-Begriff zu sammeln, fallen uns unter Umständen auch noch in der Schule gelernte Begriffe wie die Gewaltenteilung oder das Gewaltmonopol des Staates ein. Spätestens jetzt war es das dann aber wirklich.

Gewaltenteilung? Gewaltmonopol? Moment mal... Gewalt meint also nicht nur „Schaden zufügen“, sondern auch „Macht ausüben“. Oft sogar in Kombination. Um Gewalt geht es eben auch dann, wenn nicht offensichtlich jemandem wehgetan wird. Es ist auch Gewalt, wenn Menschen „nur“ Unrecht getan wird. Dass Kinder von Erwachsenen unter Druck gesetzt und (mit unterschiedlichsten Mitteln) zu bestimmten Handlungen oder Verhaltensweisen gezwungen werden, ist Gewalt. Dass Länder des globalen Südens und damit die Menschen, die in ihnen leben, wirtschaftlich ausgebeutet werden, ist Gewalt. Dass es Ungleichbehandlung und Diskriminierung von Menschen aufgrund von persönlichkeitsimmanenten (also nicht veränderbaren!) Merkmalen, teilweise sogar gesetzlich abgesichert, gibt, ist Gewalt.

Wir leben offenbar in einem hochgradig gewaltvollen Umfeld. Um darin und damit überhaupt leben zu können, blenden wir das oft aus. Diese gesellschaftlich verankerten und von uns im Alltag kaum wahrgenommenen Gewaltstrukturen sind aber nicht unveränderbar! Jeder und jede einzelne kann zu einem friedvolleren Miteinander beitragen. Fangen wir an, Abhängigkeiten zu hinterfragen und die Ohnmächtigen in unserer Welt ernstzunehmen. Ob es dabei um Armut, um Kindheit, um Frauenrechte oder um Mitbestimmung geht. Um Veränderungen herbeizuführen, braucht es ein Bewusstsein dafür, was alles als gewaltvoll wahrgenommen werden kann und ein Hinschauen auf gewaltvolle Strukturen. Das allein bewirkt vielleicht schon ein Umdenken und ein fallweise anderes – friedlicheres – Verhalten in alltäglichen Situationen, in denen oft auch von uns selbst Macht ausgeübt wird.

Sandra Fiedler

kumquat "Ghandi & Malala" 3/2014

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