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LernEinsatz Ghana 2009

Ziemlich genau einen Monat waren wir gemeinsam quer durch Ghana unterwegs – 15 junge Leute aus Österreich und der Slowakei mit unterschiedlichen Hintergründen und unterschiedlichen Erwartungen in einem Bus. Da gibt es natürlich einiges zu erzählen (von Hängebrücken, Elefanten und Verdauungsproblemen zum Beispiel), aber schon die Hälfte aller erzählenswerten Geschichten würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Deshalb gebe ich nur einen ganz kurzen Überblick über unsere Reise und lasse euch dann an einigen der Dinge teilhaben, die wir fürs Leben gelernt haben.

Die erste Woche unserer Reise verbrachten wir als Tourist/innen im Süden des Landes, versuchten uns an das Klima und die landesübliche Küche zu gewöhnen, besuchten Museen und Märkte, besichtigten Sklav/innenburgen, testeten Strände und kämpften mit den Moskitos.



Danach ging’s Richtung Norden ins TICCS (Tamale Institute of Cross Cultural Studies), wo wir für die kommenden beiden Wochen unseres Aufenthalts stationiert waren. Das TICCS ist ein Forschungs- und Lehrinstitut der Katholischen Kirche, das verschiedene Kurse und Workshops anbietet, die Neuankömmlinge in Ghana mit dem Leben vor Ort vertraut machen sollen. Dort wurden die Moskitos immer mehr, unser Wissen über Ghana aber dank des „orientation course“, einer Art Einführung in die Geschichte, Politik und Traditionen vor allem Nordghanas, auch. Nach der ersten Woche hatten wir unseren Umgang mit Chiefs, den traditionellen Dorfoberhäuptern, perfektioniert, uns halbwegs an den Geschmack von Pito (Hirsebier) gewöhnt und diskutierten ständig heftig über die Rolle der Frauen in der ghanaischen Gesellschaft.

Am Wochenende hatten wir Gelegenheit, in einem von der Dreikönigsaktion unterstützten Frauenprojekt in Damongo zu lernen, wie man Stoffe färbt, bevor wir im Mole Nationalpark den heiß ersehnten Elefanten gegenüberstanden.

Die zweite Woche im TICCS war geprägt vom „cross cultural communication course“, der sich im Unterschied zum „orientation course“ explizit der verbalen und nonverbalen Kommunikation widmet. Wir lernten ein wenig Dagbani (die Sprache der Dagomba, eines Volkes im Norden Ghanas dem ca. 800.000 Menschen angehören), besuchten einen Trommelworkshop und bereiteten uns intensiv auf die kommende Zeit in den verschiedenen Dörfern der Umgebung vor.

Dann war es endlich soweit: Wir verbrachten vier Tage jeweils zu zweit oder zu dritt in verschiedenen Dörfern, wo wir durchwegs herzlich aufgenommen und gut betreut wurden, bevor wir uns auch schon wieder auf den Weg zurück nach Europa machen mussten.



In all diesen Wochen machte der Lerneinsatz seinem Namen alle Ehre, denn gelernt haben wir tatsächlich unglaublich viel. Und weil das Schöne an frisch erworbenem Wissen ist, dass man es so gut teilen kann, hier eine Kostprobe unserer wertvollsten Erfahrungen.

Erfahrung 1: Fufu stampfen ist „ganzkörperkochen“

Fufu ist eine der bekanntesten Speisen Ghanas und zumindest unter seinen Bewohner/innen auch eine der beliebtesten. Hergestellt wird es aus gekochten und gestampften Kassawas, Yams (beides Wurzelgewächse) und Kochbananen, die als Brei mit einer beliebigen Sauce und Fleisch oder Fisch serviert werden können. Die Herstellung wirkt höchst romantisch: Zuerst werden die Wurzeln und Kochbananen von den Frauen geschält und in Stücke geschnitten, dann in riesigen Töpfen über offenem Feuer gekocht und schließlich mit einem mannshohen Mörser gestampft. Was kinderleicht aussieht, entpuppt sich im Selbstversuch als knochenharte Arbeit. Der Mörser wiegt natürlich ein paar Kilos, die Masse muss möglichst gleichmäßig gestampft werden, weshalb man immer eine zweite Person braucht, die sie mit bloßen Händen durchrührt während man selbst weiter stampft. Perfektes Timing ist dabei besonders wichtig, will man sich nicht gegenseitig verletzen.

Nach unserem Selbstversuch genießen wir Fufu nur noch in einer Art meditativen Andacht und voller Respekt vor den Köchinnen.

Erfahrung 2: Es gibt einen Grund dafür, dass die Spinne in der Ecke sitzt

Anansi heißt der Spinnenmann, um den sich in Ghana viele Geschichten ranken. Mit seiner Hilfe kann nicht nur erklärt werden, wie man ein Feld richtig bestellt oder Werkzeug gebraucht, er hilft auch dabei, ganz alltägliche Rätsel zu lösen. Warum hängen Spinnen so oft an einem Faden? Oder eben: Warum bauen sie ihre Netze so gern in Ecken?

Das hat nämlich damit zu tun, dass Anansi mal besonders gierig war. Weil er immer mehr und mehr wollte, hat er schließlich seine Familie, seine Freunde und sein gesamtes Dorf betrogen. Leider waren all diese Leute nicht so dumm wie Anansi gedacht hatte und sind ihm auf die Schliche gekommen. Da hat er sich so geniert, dass er sich geschworen hat, sich bis in alle Ewigkeit in den kleinsten Ecken zu verkriechen – und all seine Artgenossen tun dasselbe.

Erfahrung 3: „gun powder“ schmeckt gar nicht so schlecht

Klingt komisch, ist aber so, denn „gun powder“ ist kein gewöhnliches Schießpulver, sondern eine Kräutermischung aus der man eine Art übersüßten Tee herstellt, den die Männer am Abend trinken, wenn sie auf dem Dorfplatz unter einem Baum noch stundenlang zusammensitzen und reden. Ayatay ist einer der Namen für dieses Zusammentreffen, bei dem auch frisch gegrilltes Ziegenfleisch gereicht wird. Grundsätzlich sind alle Dorfbewohner/innen dazu eingeladen. Frauen kommen allerdings nur selten dazu, sich die Zeit dafür zu nehmen, denn sie sind hauptsächlich für die Kinder verantwortlich und die wollen am Abend ins Bett gebracht werden.

Erfahrung 4: Haus ist nicht gleich Haus

Ghanaische Häuser haben auf den ersten Blick mit österreichischen Häusern nicht viel zu tun. In den Dörfern Ghanas leben Familien in so genannten „compounds“, das sind mehrere einzelne Hütten, die (meist in einem Kreis) zusammenstehen und durch eine Mauer verbunden sind, sodass ein kleiner Innenhof entsteht. Trotzdem sieht eine Hütte, die von einem ghanaischen Kind gemalt wurde, einem Haus, das von einem österreichischen Kind gemalt wurde, zum Verwechseln ähnlich. Wände, Dach, Tür, wackeliger Schornstein … alles da! Erst beim zweiten Hinsehen erkennt man die feinen Unterschiede. Hütten sind in Ghana meistens rund, das lässt sich aber zweidimensional nicht so leicht darstellen. Die Dächer der Hütten sind aus verschiedenen Gräsern gefertigt, was die Kinder mit leichten Strichen symbolisieren, und was auf den ersten Blick wie ein Schornstein aussieht, stellt sich bei genauerer Betrachtung als die Bündelung der Gräser heraus. Die werden nämlich am vermeintlichen Giebel einfach zusammen gebunden.

Alles in allem haben wir aber vor allem eines gelernt: Ghana mag wirtschaftlich zu den armen Ländern der Welt zählen, aber es ist gleichzeitig auch ein reiches Land – reich an Kindern, Kultur, Gastfreundschaft,… – und es teilt seinen Reichtum gern mit Gästen.

Barbara Andrä

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